Microsoft wollte vor dem Start der ersten Xbox wissen, ob Nintendo zu kaufen wäre. Die Antwort fiel nach Kevin Bachus’ Erinnerung ausgesprochen heiter aus. Für die Fragenden war das vermutlich weniger unterhaltsam. Zu einer Übernahme kam es jedenfalls nicht – und aus der bekannten Anekdote wird auch mit oftmaligem Weitererzählen kein beinahe unterschriebener Kaufvertrag.
Uns interessiert an der Geschichte mehr als die Pointe. Microsoft suchte einen Einstieg in einen Markt, in dem Nintendo längst wusste, wie Hardware, Spiele und Figuren zusammenfinden. Viel Geld und PC-Erfahrung waren ein Anfang. Eine fertige Konsolenidentität ließen sie sich damit noch nicht einfach bestellen.
Artikelbild: KI-generiertes Symbolbild mit Xbox und Nintendo 64 auf einem Konferenztisch; keine historische Aufnahme eines Treffens.
Der Auftrag: Erst einmal fragen
In Dina Bass’ Xbox-Oral-History von 2021 beschreibt Kevin Bachus einen Auftrag von Steve Ballmer: Nintendo sollte gefragt werden, ob eine Übernahme überhaupt infrage käme. Bachus erinnert sich an eine von Lachen geprägte, sehr ablehnende Reaktion. Das ist seine spätere Schilderung, kein wortgetreues Protokoll.
Bob McBreen berichtet im selben Interview von einem Besuch im Januar 2000 und Gesprächen über eine Zusammenarbeit: Microsoft hätte Hardware, Nintendo Spielekompetenz eingebracht. Howard Lincoln wollte Vertrauliches nicht kommentieren, bestätigte aber, dass daraus nichts wurde.
Damit sind verschiedene Ansätze belegt. Wer aus allen Gesprächen einen einzigen fertigen „Deal“ macht, spart ein paar Sätze und verliert dafür den entscheidenden Unterschied. Fragen, ob jemand verkaufen möchte, ist noch kein Kaufvertrag. Das gilt erstaunlicherweise auch für große Konzerne.
Warum die Idee aus Microsofts Sicht Sinn ergeben konnte
Ein etablierter Konsolenhersteller bringt mehr mit als Gehäuse und Prozessoren. Spiele, Figuren, Entwicklererfahrung und ein Verhältnis zum Publikum gehören dazu. Für einen Neueinsteiger kann das attraktiv sein. Zusammenpassen müssen trotzdem Arbeitsweisen, Produktkontrolle und Ziele.
Das ist unsere strategische Einordnung, keine Kenntnis geheimer Nintendo-Motive. Schon eine erste ablehnende Antwort kann eine Sondierung beenden, bevor überhaupt ein Preis auf dem Tisch liegt. Für einen verbindlichen Nintendo-Kaufpreis liefern die hier ausgewerteten Quellen keinen Beleg. Eine frei erfundene Milliardensumme würde die Geschichte nur teurer machen, nicht besser.
Was für welche Gesprächsstufe belegt ist
| Begriff | Was damit gemeint ist | Was für diesen Fall belegt ist |
|---|---|---|
| Übernahmesondierung | Prüfen, ob die andere Seite einen Verkauf erwägen würde | Bachus beschreibt einen entsprechenden Auftrag und ein Treffen |
| Strategische Zusammenarbeit | Gemeinsame Aufgaben oder Produkte ohne zwangsläufigen Unternehmenskauf | McBreen erinnert sich an ein Gespräch im Januar 2000 |
| Verbindliches Kaufangebot | Konkrete Bedingungen, Umfang und Preis | Aus den ausgewerteten Aussagen nicht vollständig rekonstruierbar |
| Abgeschlossene Übernahme | Tatsächlich vollzogener Eigentümerwechsel | Kam nicht zustande |
Microsoft erzählt den Versuch selbst
Die offizielle Ankündigung von Power On: The Story of Xbox nennt den Übernahmeversuch im Jahr 2000 ausdrücklich. Die sechsteilige Dokumentation erschien im Dezember 2021. Der Grundvorgang ist also mehr als ein bequemes Fanforum-Gerücht.
Microsoft eröffnete zum Jubiläum außerdem ein digitales Museum; die damalige Ankündigung ist erhalten. Das frühere Museumsangebot war bei der Prüfung für diesen Artikel an seiner ursprünglichen Adresse nicht verfügbar. Ein dort teilweise gezeigtes Nintendo-Schreiben lässt sich deshalb hier nicht als vollständig neu geprüftes Vertragsdokument ausgeben.
Die Grenze ist überschaubar: Ein Brief kann Kontakt und Interesse dokumentieren. Verdeckte Passagen verraten uns nichts. Gerade bei dieser Geschichte ist die Versuchung groß, die Lücken schon einmal mit dem eigenen Lieblingsszenario zu möblieren.
Die Xbox entstand nicht erst nach einem missglückten Meeting
Am 10. März 2000 stellte Bill Gates auf der GDC die Xbox-Pläne offiziell vor. Die zeitgenössische Mitteilung beschreibt eine dedizierte Konsole mit PC-Technik und DirectX-Werkzeugen, einfachem Zugang und einem geplanten Start im Herbst 2001.
Die eigene Plattform war also parallel ein reales Vorhaben. Nintendo-Gespräche und Xbox-Entwicklung gehören in dieselbe Phase verschiedener Optionen. Die dramatische Kurzfassung „Nintendo lacht, Microsoft baut aus Trotz eine Konsole“ wäre schön rund. Die belegte Chronologie ist weniger filmreif und dafür interessanter.
Am Ende standen zwei eigene Konsolen im Regal
Microsoft datiert den nordamerikanischen Xbox-Start auf den 15. November 2001 und nennt Halo, Project Gotham Racing und Dead or Alive 3 im Startumfeld sowie Festplatte und Ethernet. Nintendos Unternehmenschronik führt für 2001 Game Boy Advance und GameCube. Den Hintergrund vertieft unsere GameCube-Geschichte.
Ein Mario unter Microsoft-Regie bleibt damit ein Gedankenspiel. Ob ein nie zustande gekommener Zusammenschluss bessere Spiele erzeugt hätte, lässt sich nicht nachträglich messen. Unsere Super-Mario-Geschichte erinnert immerhin daran, wie viel Entwicklung hinter einem vermeintlich einfach übertragbaren Markennamen steckt.
Unser Fazit: Der Lacher ist die Pointe, der Markteintritt die Geschichte
Die gescheiterte Sondierung zeigt einen Konzern, der mehrere Wege in ein neues Geschäft prüfte. Sie zeigt keinen fertigen Nintendo-Kauf, der nur im letzten Moment platzte. Wir würden die Anekdote genau so erzählen: mit dem bemerkenswert selbstbewussten Anruf – und der Einsicht, dass sich ein Platz im Wohnzimmer nicht allein mit einem großen Scheck organisieren lässt.
Häufige Fragen zu Microsoft und Nintendo
Wollte Microsoft Nintendo wirklich kaufen?
Nach Aussagen damaliger Xbox-Mitarbeiter wurde eine Übernahme sondiert. Microsoft nennt den Versuch auch in seiner offiziellen Geschichtsaufarbeitung.
Wie viel bot Microsoft für Nintendo?
Die hier ausgewerteten Quellen belegen keinen verbindlichen Kaufpreis. Eine konkrete Zahl wäre deshalb nicht belastbar.
Hat Nintendo eine Stunde lang gelacht?
Das ist die zugespitzte Erinnerung von Kevin Bachus. Sie sollte als seine Schilderung und nicht als unabhängig vermessener Gesprächsablauf verstanden werden.
War auch eine Partnerschaft im Gespräch?
Ja. Bob McBreen berichtet von Gesprächen im Januar 2000 über eine Zusammenarbeit. Das ist von einer vollständigen Übernahme zu unterscheiden.
Entstand dadurch die Xbox?
Die Gespräche gehören zur frühen Xbox-Strategie. Die eigene Konsole wurde parallel entwickelt und im März 2000 öffentlich angekündigt.
