Ms. Pac-Man? Eine naheliegende Antwort – und für den Titel „erste spielbare Frau“ trotzdem zu bequem. Schon 1977 gab es mit Exidys Score einen frühen Arcade-Kandidaten. Und wer eine benannte menschliche Heldin auf einer Heimkonsole sucht, landet bei Billie Sue aus Wabbit von 1982. Die Spielegeschichte hält hier keine einzelne Siegerurkunde bereit, sondern erst einmal eine Rückfrage: Was genau zählen wir?
Das klingt nach Wortklauberei, schützt aber vor einer ziemlich schiefen Rangliste. Eine wählbare Frau, eine abstrakte weibliche Figur und eine fest geschriebene menschliche Heldin sind unterschiedliche Fälle. Unser Favorit an dieser Geschichte ist deshalb kein Weltrekord, sondern die Entdeckung hinter Wabbit: eine Entwicklerin, deren Beitrag lange aus dem Blick geraten war.
Artikelbild: KI-generiertes Symbolbild mit Arcade-Bedienpult und Archivunterlagen; kein historisches Originalfoto.
Score: Flirten mit Joystick, Beweislage mit Lücken
Die Historikerin Kate Willaert beschreibt Score als Spiel mit Geschlechterwahl: entweder ein Mann auf der Jagd nach Frauen oder eine Frau auf der Jagd nach Männern. In ihrem Forschungsbeitrag von Januar 2025 nennt sie zugleich die Grenze der Überlieferung: Ihr sei kein funktionierender Automat bekannt gewesen.
Eine Meldung in Cash Box vom 25. Juni 1977, Seite 50 beschreibt die gegenseitige Verfolgung. Beim Kontakt erscheinen ein Herz und ein Pfeifton. Romantik war am Automaten offenbar auch mit sehr überschaubarem Dialogsystem möglich.
Der erhaltene Exidy-Flyer bewirbt Richtungsjoysticks und Ein- oder Zweispielerbetrieb. Zusammen ergibt das einen ernst zu nehmenden frühen Kandidaten. Einen erhaltenen, selbst überprüfbaren Spielablauf ersetzt ein Verkaufsblatt allerdings nicht. Genau deshalb bleibt die Einschränkung beim Rekord stehen.
Wabbit: Billie Sue lässt sich nicht mit ein paar Pixeln abspeisen
Bei Wabbit ist die Zuordnung erfreulich konkret. Die Apollo-Spielanleitung nennt die Farmerin Billie Sue, verwendet weibliche Pronomen und erklärt ihre Steuerung: nach links und rechts bewegen, mit dem Feuerknopf Eier nach Kaninchen werfen. Die Heldin schützt ihre Ernte. Name, Aufgabe und Spielerrolle hängen damit sauber zusammen.
Das mag weniger glamourös klingen als die Rettung eines Königreichs. Es ist aber eine eigene Aufgabe für eine eigene Hauptfigur – und eine deutlich belastbarere Identität als die Geschlechtsbestimmung anhand einer Frisur aus wenigen Bildpunkten.
Die Video Game History Foundation ordnet das Atari-VCS-Spiel von 1982 als erstes Konsolenspiel mit einem menschlichen Mädchen in der Hauptrolle ein. Ihre Recherche führte 2022 zu einem Interview mit Entwicklerin Van Mai, die zuvor unter ihrem früheren Namen Van Tran gesucht worden war. Mai erinnert sich, ein Spiel für kleine Mädchen vorgeschlagen und Gestaltung sowie Animation übernommen zu haben.
Für uns ist das der stärkste Teil der Geschichte. Hinter einem frühen Modul wird wieder eine konkrete Gestalterin sichtbar. Der kleine Zusatz „auf einer Konsole“ nimmt dieser Leistung nichts weg; er sorgt dafür, dass wir sie richtig benennen.
Ms. Pac-Man braucht den ersten Platz nicht
Das Midway-Betriebshandbuch von Januar 1982 macht die Steuerbarkeit ausdrücklich klar. Die Figur ist weiblich bezeichnet, direkt spielbar und bewusst abstrakt. Wer nach einer menschlichen Frau fragt, meint also etwas anderes.
Das Strong Museum hebt neben ihrer kulturellen Bedeutung mehrere Labyrinthe, bewegliche Früchte und weniger vollständig vorhersehbare Verfolgungsmuster hervor. Das sind gute Gründe, sich mit dem Spiel zu beschäftigen. Ms. Pac-Man muss nicht zusätzlich jede frühere Kandidatin aus der Chronologie schubsen, um bedeutend zu sein.
Wie aus Crazy Otto dieses Spiel wurde, erzählen wir in der Entstehungsgeschichte von Ms. Pac-Man.
Die Kandidaten im Vergleich
| Spiel | Jahr und Bereich | Was es belegt | Wichtige Grenze |
|---|---|---|---|
| Score | 1977, Arcade | Frühe weibliche Spielerrolle mit Wahlmöglichkeit laut Forschung | Unbenannte Figur; eingeschränkte Erhaltung |
| Lady Bug | 1981, Arcade | Steuerbare Insektenfigur im Labyrinth | Der Titel allein belegt keine menschliche Frau |
| Ms. Pac-Man | 1982, Arcade | Weiblich bezeichnete und direkt gesteuerte Hauptfigur | Abstrakte Figur; frühere Kandidaten existieren |
| Wabbit | 1982, Atari VCS/2600 | Benannte menschliche Heldin Billie Sue | Der Konsolenbezug gehört zur Erstlingsaussage |
Lady Bug ist dabei der nützliche Stolperstein: Der offizielle Arcade-Archives-Eintrag beschreibt Universals Spiel von 1981 mit einem steuerbaren Marienkäfer. Das englische „Lady“ im Tiernamen macht daraus weder eine menschliche Frau noch einen gesicherten Nachweis des biologischen Geschlechts. Ein hübscher Titel ist noch kein Personenregister.
Warum die Antwort über Arcade und Konsole hinausgeht
In Textspielen kann eine weibliche Rolle ohne sichtbaren Körper existieren, in Rollenspielen lässt sich eine Figur selbst anlegen oder aus einer Gruppe auswählen. Willaerts übergreifender Forschungsthread verweist deshalb auf Unterschiede zwischen Plattformen und Regionen. Für einen weltweiten ersten Platz reicht das Duell zweier berühmter Automaten nicht aus.
Wir würden die Antwort deshalb immer mit ihrer Kategorie nennen: Score als früher Arcade-Kandidat, Wabbit als wichtiger Konsolenbeleg für eine benannte menschliche Heldin und Ms. Pac-Man als besonders einflussreiche weibliche Spielfigur. Auch Lara Crofts Entstehung wird durch diese Vorgeschichte interessanter. Die Bekannteste muss nicht die Erste sein.
Häufige Fragen zur ersten spielbaren Frau
War Ms. Pac-Man die erste spielbare Frau?
Nicht ohne Einschränkung. Score ist ein früherer Arcade-Kandidat. Ms. Pac-Man bleibt ein besonders bedeutender und gut dokumentierter Fall.
Wer ist Billie Sue?
Die benannte Heldin von Wabbit für das Atari VCS/2600. Sie schützt ihre Ernte vor Kaninchen.
Ist Billie Sue eine Figur aus Score?
Nein. Diese beiden frühen Beispiele werden manchmal vermischt, gehören aber zu verschiedenen Spielen.
Warum ist Score kein unkomplizierter Weltrekord?
Die Überlieferung ist lückenhaft. Außerdem müssen unbenannte Spielerrolle, sichtbare Figur und festgelegte Protagonistin unterschieden werden.
Reicht eine Frau auf der Verpackung als Beweis?
Nein. Erst eine Verbindung zur tatsächlich steuerbaren Rolle belegt, dass sie im betreffenden Sinn spielbar ist.
